19.01.2012, 19:30 Uhr
In einer Diskussionsreihe wird die europäische Kulturgeschichte vor dem Hintergrund der vier Himmelsrichtungen gedeutet. Referent: Prof. Dieter Richter, Diskussionspartner: Alexander Cammann.
Viele Worte haben mehr als nur eine einzige Bedeutung. So sind auch die vier Himmelsrichtungen mehr als bloße geografische Orientierungspunkte, oft übermitteln sie eine mehr und weniger subtile Botschaft. So haben Ost und West seit den Jahrzehnten des Kalten Krieges eine politische Konnotation, für uns Deutsche sogar eine soziale, während Süden und Norden nicht selten auf klimatische Verhältnisse oder menschliche Eigenschaften anspielen.
Im Rahmen der Reihe „Europäische Horizonte“ wird der Literaturhistoriker Dieter Richter in einem Gespräch mit dem ZEIT-Autor Alexander Cammann die Emblematik der Himmelsrichtung „Süden“ mit ihren breit gefassten Assoziationsräumen vor dem Hintergrund der europäischen Kulturgeschichte ?beschreiben.
„Die Himmelsrichtungen waren über Jahrhunderte hinweg sich erneuernden semantischen Bestimmungen unterworfen“, sagt Richter. Für die alten Römer war der Süden feindliches Gebiet und in der christlichen Tradition ist es der ungeliebte Sohn Noahs, dessen Kinder im südlichen Teil der Erde siedeln. Doch in der neueren Geschichte hat sich der Süden zum paradiesischen Sehnsuchtsort gewandelt, auf den „bis heute die Kompassnadel des Glücks zeigt.“
Richter war bis zu seiner Emeritierung 2004 Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. „Seit meiner Kindheit bin ich zwischen dem Süden und dem Norden hin- und hergependelt.“ Mit „zwei Paar Augen“ konnte Richter die Unterschiede zwischen den Menschen und Regionen beobachten und hat diese in dem Buch „Der Süden. Geschichte einer Himmelsrichtung“ (Berlin 2009) niedergeschrieben.
„Mit der Veranstaltungsreihe wollen wir erreichen, dass mehr europäische Diskurse in Aachen stattfinden“, beschreibt Dr. Manfred Sicking vom Fachbereich Wirtschaftsförderung und Europäische Angelegenheiten die Intention der Vortragsreihe, bei der bereits 2004 der Irakkrieg und die Zukunft Europas diskutiert wurden. Im Folgejahr war der Beitritt der Türkei zur Europäischen Union und die Standpunkte der deutschen Parteienlandschaft Oberthema der Veranstaltung.
Die geografische Reihe wird im April von dem Skandinavistik-Professor Bernd Henningsen weitergeführt. Der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Wissenschaftler diskutiert über den Norden als „eine ideologische Bestimmung“. Im Herbst 2012 und im Frühjahr 2013 werden Karl Schlögel und Edgar Wolfrum mit Diskussionen über den Osten und den Westen den thematischen Kreis schließen. /// sd
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