
Die diesjährige Lütticher Biennale zeigt unter dem Motto (OUT OF) CONTROL das hochinteressante Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Abwesenheit von Kontrolle bis hin zum Kontrollverlust – Quo vadis Kontrollgesellschaft?
Die Ausstellungskonzeption und die kurzen, aber klugen Katalogbeiträge beschäftigen sich mit dem Aufstellen von Normen, der menschlichen Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und der Überwachung der Einhaltung dieser Normen, aber auch mit der Überwindung der Kontrollgesellschaft durch künstlerische Interventionen. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Überwachung und Voyeurismus, deren gemeinsamer Nenner ist, zu sehen, ohne gesehen zu werden. Zum Sehen reicht nicht mehr das bloße Auge, technische Hilfsmittel werden wie Prothesen eingesetzt: Fotografie, Film und damit verbundene Wahrnehmungsprozesse verschieben das Blickfeld – Neue Medien eröffnen Einblicke in neue Räume. Auf acht Stationen spinnt sich der rote Faden um Kontrolle und Kontrollverlust.
Das Museum für Moderne Kunst (MAMAC) widmet sich den Ungezähmten. Bildern absoluter, fast schon pathologischer Selbstbeherrschung wie die Bodybuilderinnen von Martin Schoeller stehen sterile Räumen zur Disziplinierung und Domestizierung wie dem Fuchskäfig von Nathalie Noël und die kargen Zellen psychiatrischer Einrichtungen von Joyce Vlaming gegenüber. Verstörend die s/w Porträts von Roger Ballen, bei denen rohe, geradezu grobschlächtige Menschen wehrlose Tiere halten. Hier wird nicht mit niedlichen Hundewelpen gekuschelt, die Bestie Mensch zähmt die Bestie Tier durch Würgegriff.
Im Hangar B 9, der Halle auf dem Universitätsgelände, steht das „Theater der Autoritäten“ überwiegend im Zeichen militärischer, polizeilicher und privater Überwachung. Nicolas Cléments Frontalporträts von Sicherheitspersonal zeigen entschlossene junge Männer mit Kurzhaarschnitt, Bomberjacke, Sprinterstiefeln und Schäferhund an der Seite. Sicherheit durch Einschüchterung. Gleich gegenüber die bizarren Dokumentationen militärischer Übungseinrichtungen von Claudio Hils: Im Häuserkampf tritt dem Kämpfer zunächst die schützenswerte Mutter mit Kind entgegen, doch sie ist nur der Schutzschild für den bewaffneten Angreifer.
Im charmanten Betonbau des Musée d’Art Wallon treffen „Gleichgewicht und Unfall“ aufeinander. Achim Lippoth setzt seinen „Mensch-Maschinen“, asiatischen Kindern, die auf Kosten ihres Körpers und ihrer Persönlichkeit zu perfekten Sportlern und Artisten gedrillt werden, gleich einen westlichen Entwurf gegenüber, blonde, hellhäutige Jungen und Mädchen im AL-Sporttrikot vor blauem Himmel, Leni Riefenstahl lässt grüßen. Stark auch die Arbeit „Shadow Boxer“ von Sophie Whettnall, in der ein Boxer millimeterknapp vor dem Gesicht seines Gegenübers agiert, einer jungen, stoisch wirkenden Frau, deren Reaktion allein im Close-Up eines Augenzwinkerns oder ihrer Gänsehaut sichtbar wird.
Im Grand Curtius haben die Gastkuratoren Matthias Harder und Felix Hoffmann aus Berlin, dem „Gastland“ der BIP, ein Panoptikum aus Überwachungskameras (Frank Thiel), Mordwaffen (Simon Menner), inszenierten Unfallautos (Ricarda Roggans), skurillen Kostüminstallationen (Thorsten Brinkmann) und der, mit Infrarotkameras festgehaltenen, Parallelwelt „Sexy Land“ von Tobias Zielony geschaffen.
Mit vier weiteren Stationen und kooperierenden Ausstellungen in der gesamten Euregio von Hasselt über Eupen, Heerlen bis Aachen ist Lüttich ein großer Wurf gelungen, der den Vergleich mit der omnipräsenten Kunstmetropole Berlin nicht scheuen muss.
bep
bis 25.4
BIP
verschiedene Orte
(u.a. MAMAC, Hangar B9, Musée d’Art wallon,
Grand Curtius)
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Kategorie:
Kunst
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