Dramaturgin Inge Zeppenfeld und die Schwestern Christina Rast (Regie) und Franziska Rast (Ausstattung) setzen Molières Klassiker „Tartuffe“ eindrucksvoll um - nicht zuletzt Dank außergewöhnlicher schauspielerischer Leistungen. Nächster Termin: 4.2.
Joey Zimmermann in Königin-Mutter-Outfit, Felix Strüven mit Pagenkopf und Beinprothese und eine schmerbäuchige Bettina Scheuritzel inklusive fettiger Fransenfrisur – Molière hätte dieser bunte und dekadente Haufen sicher gefallen. Immerhin hat der französische Dichterfürst die Figuren für seinen „Tartuffe“ an der Commedia dell’arte angelehnt, Überzeichnung und Skurrilität gehörten da zum Repertoire.
Unter einem humoristischem Deckmantel wollte Molière seinerzeit mit den Frömmlern und Hofschranzen abrechnen, die um seinen damaligen Arbeitgeber (kein geringerer als Ludwig der IV.) herumscharwenzelten. Bereits die erste Aufführung führte zu einem großen Hallo unter den Höflingen. Molière musste sein Opus entschärfen, um nicht unter die politischen Räder zu kommen. In dieser zensierten Version liegt uns „Tartuffe“ heute vor.
In ihrer Inszenierung hat Christina Rast auf die etwas freiere Übersetzung von Wolfgang Wiens gesetzt – und dabei ein sicheres Händchen bewiesen. Wie Prosa muten die spritzigen Texte an, besonders wenn sich die Familienmitglieder etwas hinter vorgehaltener Hand zuzischen oder der Sippenchef Orgon (Scheuritzel) das vorlaute Stubenmädchen (Strüven) zurechtweist.
Diese beiden Figuren sind es auch, die – nicht zuletzt durch ihre geschlechtliche Gegenbesetzung – den stärksten Eindruck hinterlassen. Scheuritzel schwankt zwischen verliebter Teenager-Nervosität und gutmütiger Behäbigkeit, während Strüven regelmäßig mit „Ich-hab’s-ja-gewusst“-Miene und verschränkten Armen den Zeigefinger trommeln lässt.
Tartuffe selbst erscheint erst im dritten Akt. Im Streberlook mit Hochwasserhose, quietschbunten Socken und Seitenscheitel – im Ganzen ein optischer Gegensatz zu den anderen eher altertümlich kostümierten Figuren – verleiht Philipp Manuel Rothkopf dem Bösewicht eine Verdrucktheit, die schon fast ins Perverse geht. Wenn er nicht gerade intrigante Fäden spinnt, hält er sich die Bibel vors Gesicht und leiert sein Mantra herunter. Seine ganze fadenscheinige Persönlichkeit wird deutlich, als er sich (längst von Orgon als Ehebrecher durchschaut) auf der Familientafel als „Imperator maximus“ ausruft – und dabei nur Unterhosen trägt.
Tartuffes vorgegaukelte Scheinwelt spiegelt sich in einem kargen Bühnenbild wider, das den Blick auf Haustechnik und Hinterbühne zulässt. Malcolm Kemps Musik ist ein unaufdringlicher Begleiter des clownesken Treibens, viele Szenen werden mit unterschiedlichen Musikstilen untermalt, und hier und da übernehmen Julia Brettschneider (Geige), Karsten Meyer (Gitarre) oder Rothkopf (Akkordeon) das musikalische Zepter.
Trotz kurzweiliger Unterhaltung bleiben am Ende Fragen offen, etwa welchen Sinn die (ohne Zweifel urkomische) Zwischenakt-Unterhaltung hat, in der Joey Zimmermann in langen Unterhosen und mit Gruselmaske wie ein Derwisch über die Bühne rast und seinen Hintern entblößt? Auch steht die anfängliche Überblendung von „Exposition“ zu „Explosion“ in keinem unmittelbar ersichtlichen Zusammenhang zur weiteren Handlung.
Dennoch: „Tartuffe“ macht Spaß, ist liebevoll und kreativ ausgearbeitet und bietet dem durchweg glänzenden Aachener Ensemble die Möglichkeit, seine komödiantische Seite auszuleben – und das sollte man sich nicht entgehen lassen.
/// Sebastian Dreher
4., 22., 24.2.
„Tartuffe“
19.30 Uhr, Theater Aachen – Bühne
26.2.
„Tartuffe“
18 Uhr, Theater Aachen – Bühne
Veröffentlicht am 01.02.2012, 10:34 Uhr
Kategorien:
Kultur
Bühne