Weder der melancholische Spaßmacher (Sebastian Stert) noch der masochistische Dompteur (Karsten Meyer) haben Lust auf's Florellenquintett. Aber was muss, das muss...Pluszeichen

Morgen Augsburg!

Jenny Nörbecks tragikomische Inszenierung von ?Die Macht der Gewohnheit?

„Ich liebe das Cello nicht, aber es muss gespielt werden. Wir wollen das Leben nicht, aber es muss gelebt werden.“ Einmal fehlerfrei Schuberts „Florellenquintett“ spielen, das nimmt sich Zirkusdirektor Caribaldi seit 20 Jahren vor. Und da muss seine gesamte Truppe mitziehen, der Jongleur, der die Violine nicht mag, die Enkelin Seiltänzerin, die die Viola nur widerwillig spielt, der Spaßmacher mit dem Kontrabass, dem immerzu die Haube vom Kopf fällt und der Dompteur, den regelmäßige Tigerbisse und übermäßiger Alkoholkonsum am Klavierspielen hindern. Bisher ist noch keine einzige Probe zustande gekommen.
„Die Macht der Gewohnheit“ ist Thomas Bernhards erste ?echte? Komödie und so gibt es in der Inszenierung von Jenny Nörbeck viele Lacher. Sebastian Stert im hautengen Ganzkörperanzug als melancholischer Spaßmacher überzeugt ebenso wie Karsten Meyer als Dompteur, der betrunken mit blutigen Händen an der Innenscheibe des Zirkuswagens herunterrutscht und sich dann Rettich-futternd mit einem Flensburger oder ähnlichem auf?s Dach verzieht. Julia Brettschneider als naive, schöne, immer laszive  Enkelin schafft es, eine ganze Gefühlspalette alleine durch Mimik auf die Bühne zu bringen, wenn sie etwa dem Herrn Direktor seinen Maggi-Asia-Snack mit Verachtung auf den Teller knallt. Thomas Hamm als Jongleur mit glasbausteindicker Brille und dem Tick, diese immer wieder zurecht zu rücken, souverän in einer seiner ersten Hauptrollen am Theater Aachen. Nicht zuletzt macht auch das Bühnenbild ? der Zirkuswagen ein umgebauter Aseag-Bus ? schmunzeln.
Doch die „Macht der Gewohnheit“ ist kein Klamauk-Stück. Allzu oft bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn Andreas Herrmann als vom Leben verbitterter Caribaldi geradezu diktatorisch seine kümmerliche Truppe zusammenzutrommeln versucht, mit steifem Bein und immer kurz vor dem nächsten Wutausbruch das Harz für seinen Cellobogen sucht. Herrmann bringt einen verzweifelten und darum fies gewordenen Caribaldi auf die Bühne, der mal laut und tyrannisch, dann wieder leise unangenehm, dann depressiv ist. Keiner regt sich mehr groß auf, keiner widersetzt sich ernsthaft, alles geht seinen Lauf. Wie immer eben. Denn auch morgen in Augsburg wird die Probe ganz sicher nicht besser verlaufen. Ein Stück über die Lächerlichkeiten im Leben, mal komödiantisch, oft tragisch. Was ist schon daran zum Lachen, dass jedes Streben nach Höherem der Lächerlichkeit preisgegeben wird, dass jede Suche nach Perfektion vergebens ist.
Eine runde Inszenierung, die an der ein oder anderen Stelle etwas weniger Text vertragen hätte. Und die auch gut damit ausgekommen wäre, wenn Julia Brettschneider einmal mit den Erwartungen brechen und einmal auf der Bühne stehen dürfte, ohne jemandem in die Hose greifen zu müssen. 

Barbara Taxhet

2., 5., 17., 20., 26.2.
„Die Macht der Gewohnheit“
Theater Aachen, Kammerspiele

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