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Bühnenkritik „Taking Care of Baby (Kindersorgen“: Wahrheit suchen

Christian Hockenbrinck inszeniert die verstörende Wahrheitssuche in „Taking Care of Baby (Kindersorgen)“

Der Grund der Anklage ist schwerwiegend: Donna McAuliffe soll ihre Kinder getötet haben. Elke Borkenstein eröffnet als völlig verstörte Donna das Stück. Stotternd erzählt sie von traumatischen Drohungen ihre Zellennachbarinnen im Gefängnis: Mit Kindsmord ist selbst im Gefängnis eine moralische Schwelle unterschritten. Die Protagonistin bewegt sich stets auf der Grenze zwischen Mitleid- und Ekelerregen. Alles entscheidend die Frage: Ist sie unschuldig?
Elisabeth Ebeling ist Donnas Mutter Lynn, die toughe Parlamentarierin, die gerade auf dem Weg nach oben war, und nun Angst hat, alles zu verlieren: Eine Tochter, die ihre Kinder mordet, macht sich nicht gut. Mit ihrem Lakaien Jim (Joey Zimmermann) versucht sie, wieder hochzukommen, indem sie immer wieder die Unschuld der Tochter beteuert. Donnas Ex-Mann trauert im Stillen um die Kinder – Oleg Zhukov überzeugt in der Rolle des Vaters. Für Psychologe Dr. Miller ist das LKS-Syndrom verantwortlich für den Mord: Eine psychische Störung bringt Menschen dazu, denen Leid zuzufügen, die sie am meisten lieben. Im Raum steht der Vorwurf, er habe die Krankheit zu Profitzwecken erfunden. Als sexbesessener, espressotrinkender, italienischer Paparazzo versucht Joey Zimmermann (herrlich in der Doppelrolle) seine Form der Wahrheit zu finden.
Die Frage nach der Wahrheit steht im Zentrum von Dennis Kellys Stück. Sebastian Stert greift als Kelly in das Stück ein, mit Mikro in der Hand führt er Interviews mit den Protagonisten, „Taking Care of Baby“ wird zur fiktiven Doku. Donna wird ins Kreuzverhör genommen, ihre Aussagen widersprechen sich logisch, aber dennoch scheinen sie ihre Wahrheit zu sein. Ex-Mann Martin will sich dem Verhör entziehen, wird aggressiv, wenn es  um die Frage nach seiner Wahrheit geht. Was ist der Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrnehmung?
Christian Hockenbrink inszeniert eine Bandbreite von Emotionen: von tief-depressiver Stimmung – das Grab der Kinder mit Stofftieren und Blumen ist immer präsent auf der Bühne – bis hin zu hysterischer Komik: eingespielte Lacher, ein sich in den Schritt fassender Joey Kelly. Und dennoch bleiben alle Charaktere – allen voran Donna – unfassbar, grau und gefühllos.  „Taking Care of Baby“ hinterlässt Spuren. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? Geht es um die Wahrheit oder um die populärste Wahrnehmung? 

Jannis Benezeder

Termine im April:
7., 10., 17., 21.4.
„Taking Care of Baby (Kindersorgen)“
20 Uhr, Theater Aachen, Kammer

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Kategorie:
Bühne

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