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Bühnenkritik: „Der eingebildete Kranke“ - Tour der Leiden

Welkes Fleisch, fahle Haut, matte Augen, dampfende Nachttöpfe. Man sollte meinen es ist bald vorbei mit Argan. Ihn quälen die Qualen, er quält seine Mitmenschen.

Der Hypochonder wirkt nicht nur wegen seiner ständigen Einläufe entnervend auf sein Umfeld. Schlimmer als jede Darmspülung trifft seine Tochter Angelique dessen fixe Idee, sie mit dem Sohn des Chefarztes vermählen zu wollen, obwohl sie in den jungen Cléante verliebt ist. Doch ihr Vater hätte lieber einen Weißkittel mehr im Haus. Dummerweise umgibt sich der Patriarch nicht nur mit einem Arzt, sondern gleich einer ganzen Heerschar von Krankenschwestern, die ihren Patienten in seinem Wahn bestätigen um ihn schröpfen zu können.
„Der eingebildete Kranke“ ist Molières  letztes Werk, das zwar nicht vor Lebenskraft, dafür aber vor bitterer Ironie strotzt. So kann es schon mal vorkommen, dass sich die jüngste Tochter des Hauses Louison tot stellt, um einer Trachtprügel zu entgehen, oder das Theaterorchester geschlossen den Saal verlassen muss, weil die omnipräsenten Himmelsgeigen Argan mit ihrem „schreckliches Gefiedel“ die Ohren malträtieren.
Zur Beruhigung des Publikums: Nur im Fieberwahn mag die musikalische Untermalung missfallen. Alle anderen Zuschauer dürften gespannt die Ohren spitzen. Über 300 Jahre galt die Partitur von Marc-Antoine Charpentier als verschollen, bis sie vor gut 20 Jahren wieder entdeckt worden ist. Unter der Leitung von Volker Hiemeyer kann man nun erstmals in Deutschland das Sinfonieorchester, Chöre und Opernsänger so hören, wie sie der barocken Opernkomödie zugedacht waren. Die ursprünglich als  Zwischenspiel gedachte Musik baut Regisseur Albrecht Hirche dabei allerdings direkt in die Handlung des Werkes ein, was erstaunlich gut funktioniert.
Grobblockige Monolithe umrahmen die Bühne und richten den Fokus unweigerlich auf Musik und die Performance von Karsten Meyer. Der fläzt sich im Zentrum der Bühne in seinen Sessel und haucht Argan sehenswert so wenig Lebenskraft ein, wie die Figur zu besitzen glaubt.
Die Inszenierung selbst kränkelt nur in seltenen Augenblicken an der eigenen Possenhaftigkeit. Wenn Argans Bruder (Rainer Krause) in Gestalt eines deutschen Modeschöpfers auftritt, und das Outfitvon Julia Brettschneider als Hausmädchen mehr zeigt als verbirgt sind die (blanken) Showwerte zwar groß, zwingend notwendig wären sie aber nicht gewesen.
„Ist es nicht gefährlich, sich tot zu stellen?“ fragt Argan zum Ende hin besorgt. Ob er sein Ableben dadurch beschleunigt oder verhindert, wird man nur durch den lohnenden Besuch des Stadttheaters erfahren. Sicher ist nur eins: Der Enddarm ist die Wurzel allen Übels.

Thomas Glörfeld

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