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Vorbericht: „Kabale und Liebe“: Soziale Maschine des Bösen

Am 12. September eröffnet das Theater Aachen die neue Spielzeit mit einem Klassiker. Die junge Regisseurin Bernadette Sonnenbichler inszeniert für die große Bühne „Kabale und Liebe“, Friedrich Schillers Trauerspiel aus dem 18. Jahrhundert.

Dienstagvormittag im Proberaum des Mörgens. Laut geht es auf der Bühne zu. „Kalte Pflicht gegen feurige Liebe – und mich soll das Märchen blenden? Ein Liebhaber fesselt Dich, und Weh über dich und ihn, wenn mein Verdacht sich bestätigt!“  Mit knallenden Türen fegt Robert Seiler davon. Er spielt Ferdinand von Walter, den heißblütigen Liebhaber von Luise. „Gleich noch einmal, bitte!“ Bernadette Sonnenbichler will noch mehr Inbrunst, noch mehr Leidenschaft sehen. Die Szene wird wiederholt. „Kabale und Liebe“, 330 Jahre alt, arbeitsintensiv, für Schauspieler und Regisseure.
Ferdinand will mit Luise fliehen, weg von gesellschaftlichen Konventionen, die ihre Liebe unmöglich machen. Luise ist die Tochter eines Musikers, Ferdinand Sohn eines Adligen – ihre Liebe wird von keiner Seite gebilligt. Eine hinterhältige Intrige zwingt Luise dazu, Ferdinand glauben zu lassen, sie liebe einen anderen.
Es ist das vierte Stück, das die 28-jährige Regisseurin für das Theater Aachen auf die Bühne bringt. Sie inszenierte mit „Die Verwandlung“, „Törleß“ und zuletzt „Die Glasmenagerie“ herausragende Theaterabende. Bei Kafka versetzte sie das oft sehr junge Publikum in Beklemmungszustände, bei Musil schaffte sie es, das innerste Böse der Internatsschüler nach außen zu kehren, und im Laufe des Stücks bis zur Unerträglichkeit zu steigern, bei Williams zeigte sie die Ausweglosigkeit zutiefst enttäuschter Menschen. Immer untersucht sie das Gefüge menschlicher Beziehungen, anfällig für Irritationen, verletzlich, labil.
Und so erforscht Sonnenbichler ebenso akribisch die Abgründe menschlicher Niedertracht in „Kabale und Liebe“: „Nihilismus, Machtmissbrauch, die Macht oder etwas Ähnliches von Ideen – das sind Elemente, die uns im Stück interessieren. Dementsprechend haben wir uns Teile aus der Vorlage herausgepickt und stellen sie in den Fokus. Es ist die erbarmungslose Macht der Ideen, die mich interessiert.“
Bei Schiller greifen die Intrigen wie Zahnräder ineinander. Schiller-Literat Rüdiger Safranski spricht von der „sozialen Maschine des Bösen“ – ein Bild, das Sonnenbichler gefällt. Aber ihr geht es mehr um die Beobachtung und weniger um das Bewerten von menschlichem Verhalten. Sie arbeitet nicht im Auftrag einer moralischen Instanz.
Die gesellschaftliche Analyse erfordert ein klares Modell. Und so macht sie zum Beispiel durch das Bühnenbild klar, dass die historische Einordnung irrelevant ist. „Wir greifen Bezüge aus verschiedenen Zeiten auf, mischen gestern und heute, mischen musikalisch Punk mit historischen Instrumenten, mischen moderne Kostüme mit der Mode aus Schillers Zeit.“ Auch die Bühne (Jens Burde) soll einen eigenen Kosmos ergeben. Ein Palast im Irgendwo. Ohne Bezug zur Außenwelt.
Eifersucht, Rachsucht, Unehrlichkeit, aber auch Familienbande und Loyalität sind die Aspekte, die Sonnenbichler hier unter die Lupe nimmt. Sie untersucht, wie die Maschinerie Mensch funktioniert. Sie lässt den Zuschauer zusehen, wie Verpflichtungen und Emotionen miteinander rangeln, wenn Luise und Ferdinand sich in ihrer unmöglichen Liebe immer mehr ins Unglück stürzen.

12.9.
Premiere „Kabale und Liebe“
18 Uhr, Theater Aachen, Bühne


Das Team
Seit zwei Jahren ist Bernadette Sonnenbichler (rechts, hier mit Kostümbildnerin Tanja Kramberger und Bühnenbildner Jens Burde) freie Regisseurin für Theater und Hörspiel. Die 28-Jährige hat in Wien Regie studiert und dann vor allem als Autorin und Regisseurin beim Rundfunk gearbeitet. 2007 wurde sie mit dem Preis „Hörspiel des Monats“ und 2008 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Bisher war sie am Schauspielhaus Graz, am Theater Bozen, am Vorarlberger Landestheater, Schauspielhaus Wien, am Bayerischen Staatsschauspiel und für den Bayerischen und Norddeutschen Rundfunk tätig.

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Kategorie:
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