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Zu viel Spaß auf Erden

Alexander von Pfeil inszeniert Verdis letzte Oper als modernes Regietheater am Theater Aachen: ein „Falstaff“ im Club Med. Lesen sie hier die Kritik zum Stück.

Verdis Falstaff basiert sowohl auf Shakespeares „Lustigen Weibern von Windsor“ als auch seinem „Heinrich IV“ und ist Verdis letzte Oper. Sir John Falstaff ist ein Adliger, der unter den Bürgern von Windsor lebt und es sich gut gehen lässt. Er schreibt Frau Ford und Frau Page identische Liebesbriefe. Die Frauen beschließen, sich zu rächen und den adligen Sir John vor der Gesellschaft bloßzustellen, welcher der genusssüchtige Ritter sowieso ein Dorn im Auge ist. Frau Ford will zudem, indem sie scheinbar auf Falstaffs Advancen eingeht, ihren eifersüchtigen Ehemann auf die Probe stellen. Weitere Nebenhandlungen ergänzen die Geschichte. Alexander von Pfeil versetzt die Handlung vom Dorf Windsor in eine Art Club Med. Warum er das tut, wird während der ganzen Inszenierung nicht so ganz klar. Klar wird nur, dass er dieses Setting nutzt, um tausend und drei Nebenhandlungen neben der eigentlichen Geschichte ablaufen zu lassen. Dies ist teilweise amüsant, aber mit Verlauf der Handlung nervt es zunehmend und lenkt von den eigentlichen Geschehnissen ab. Mal sieht man den „Urlaubern“ beim Duschen zu, dann betrinken sich die Hauptdarstellerinnen — nein nicht mit Schirmchen-Cocktails, sondern direkt aus der Flasche — dann sieht man zwei arme Zauseln, wie sie die Toiletten von der Scheiße reinigen, während die eigentliche Handlung läuft, und zu guter Letzt (ah, wäre es nur das wirkliche Ende gewesen!) wird Falstaff nicht in die Themse geschmissen, sondern in ein armseliges Kinderplanschbecken. Und es wäre tatsächlich besser, dies wäre das Ende gewesen, denn nach der Pause wurde es nur noch langweilig in der abschließenden Waldszene; da gab es nicht mal mehr etwas zum Schmunzeln, sondern eher viel zum abstoßenden Wundern, wenn bspw. Falstaff seinen eigenen Diener wegen des vermeintlichen Verrats vergewaltigen will. Das, dachte wohl von Pfeil, sei modernes Regietheater, auch wenn sich überhaupt kein Sinn ergab. Im Gegenteil: Die Urlaubssituation nahm dem Grundthema des Neides der arbeitenden Bourgeoisie gegenüber den vermeintlich faulen Aristokraten, die in den Tag hinein leben, jegliche Grundlage. Aber wie immer bleibt ja zum Glück in der Oper die Musik. Und musikalisch war der Abend äußerst beglückend. Daniel Jakobi bot mit dem Sinfonieorchester Aachen einen spritzigen Verdi-Falstaff dar; dieses Werk ist wahnsinnig komplex, da es so anders ist als alle Werke Verdis — aber das bewältigte Jakobis Dirigat mühelos. Es macht Spaß, zu entdecken, wie Verdi sich selbst zitiert, und neu Facetten seines kompositorischen Könnens zu hören. Stefan Stoll als Falstaff war stimmlich und darstellerisch (trotz der Inszenierung!) ein Genuss. Mit seinem satten Bariton und der kultivierten Stimmführung erfüllt er alle Wünsche. Die beiden Mezzos — Leila Pfister als Mrs. Quickley und Mélanie Forgeron als Meg Page - standen ihm in nichts nach, ebenso wie Martin Berner als Mr. Ford. Insgesamt erlebte man eine sehr gute Ensembleleistung, mit den Ausnahmen von Eva Bernard und Irina Popova, die mit ihrem unkontrollierten und unangenehm scharfen Timbre negativ hervorstachen. 

Text: Tanja Sprungala
Foto: Carl Brunn

7., 9. und 30.1.
„Falstaff“
19.30 Uhr, Theater Aachen, Bühne

 

 

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