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Anne Tismer im NAK: Häkelseelenverstörung

Anne Tismer lässt in der Lebensabsolvenz eines routinierten Alltags das Glimmen der wunden Seele spüren.

Der Neue Aachener Kunstverein wird ab April durch Dorothea Jendricke geleitet. Brigitte Steiner organisierte aber noch die Ausstellung mit der Grenzgängerin Anne Tismer. Es sind Bühnenbilder der Performances, Objekte, Texte, Videos und Zeichnungen der Schauspielerin zu sehen. Anliegen des NAK ist es schon länger, die Kunst in den Grenzbereichen zur Musik, zur Literatur, zur Gartenkunst, zum Design oder zum Theater vorzustellen. Jetzt ist es gelungen, die im Regietheater renommierte Anne Tismer zu ergattern, deren Bildwelten aus ihrer szenischen Erfahrung und sofort spürbaren Intensität des mimischen, gebärdlichen und prinzipiell stimmlich differenzierten Spiels resultieren. Gesprächig ist sie nämlich in ihrer Performance zur Einführung nicht gewesen.
Klangbildkulisse
Eigentlich war „anne ka’s wunschkonzert“ eine Stummfilmrolle mit eingespielten Jingles, die ihr Mitstreiter Burkart Ellinghaus aus dem Off lieferte. Alle Geräusche und Empfindungen wurden in Slapstickmanier und der aus den Medienwelten zur Gewohnheit gewordenen, künstlich eingespielten, in ihrem Wirkungsmodus übertriebenen Klangkulisse erzeugt. Die so schon artifizielle Spielweise wurde durch eine neurotisch flüssige, teils zu verzweifelter Hektik aufgepulsten Pausenlosigkeit des Handlungsablaufs gesteigert und trefflich hintermalt durch eine Einzimmerwohnungskulisse mit Ikearegal und Behelfsklapptisch, Matratzenbett, Tür und Fenster. Alle Gegenstände der Wohnung waren mit kindlich provisorisch bunt bemalten Zetteln auf schelmische Weise gekennzeichnet: Rausgeh, Reinkomm=Tür, Waschmik als Spülbecken und diverse Behältnisse, die als Kühlschrank, Ofen etc. fungierten.
Banales Interieur für einen banalen, mit absolvierten Handlungsmustern gefüllten Alltag. Quasi die pseudowohlig gewöhnliche Stressphase zwischen den Straßenkämpfen. Die penibel überprüften Einzelschritte und verbissenen Sorgfaltsübungen im Essen, Waschen, Pinkeln, Schlafen und Duschen wurden bisweilen von Akten der Verzweiflung, Wut, Angst und dem Eindringen der Außenwelt über Radio durchbrochen. Sehnen und Hoffen vermittelte sich durch die eingespielten Radiohits und ihre Texte. Gehäckelte Pizzas, Ausscheidungsprodukte, Haustierschlangen und schlichteste Requisiten ließen die bodenlos bizarre und widersprüchlich angespannte Lebenssituation der Protagonistin spürbar werden.
Die verzettelte Ungelecktheit des Auftritts und der Kulisse setzt sich im Ausstellungsraum im Obergeschoss in der ruppig mundartelnden Diktion der Gedichte mit sensibel konkretisierenden Wortzusammenrammungen und in Tismers Gelegenheitsskizzen fort. Das leffzt an Dürftigkeit, hat aber einen selbstbewusst kecken Ton, mit dem sonst gern geheiligte Stilmittel (Materialgerechtigkeit, Proportionalität, Solidität) ignoriert werden. Gehäkeltes mit seinem Biederfrau-Image prallt hier in Form in einander verkämpfter Puppen auf Alltagsbrutalität. Allerlei Unbeholfenes, Flüchtiges, hastig Aufgezeichnetes fällt auf. Situativer Ideen-Auswurf, dessen Umsetzung ins Bildliche sich offensichtlich der Seherfahrung der Schauspielerin verdankt, die ständig in Kulissen agiert, deren durchaus eindrucksvolle Bildwirkung auf billig und zweckmäßig zusammengebrachten Bestandteilen beruht. Eine preiswerte Illusionswelt, die als Bildwelt nutzbar gemacht wird. Ob die Bildkraft reicht, mag eine Selbstüberprüfung klären, die durch kommende Aufführungen und ausgestellte Werk-Relikte möglich wird, die den arrangierten Performanceüberbleibseln eines Beuys etc. ähneln. Fluxusflapserei mit Schroffrealismus. Wirklichkeitswahn ohne Weihewille. 

Dirk Tölke

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bis 9. 5.
Anne Tismer – „Körperzentralhaltestelle“
Neuer Aachener Kunstverein NAK
Aktion 10./11.4. – Proben 15-18. Aufführung 18.4. 18 Uhr
Finissage 9.5. 18 Uhr Performance bongani + Künstlergespräch

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Kategorie:
Kunst

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