Ein Sonntag im Herbst 2010. Durch das gelbe Rund an der Krefelder Straße donnert ein markerschütternder Schrei: „Hand!“ Alle haben es gesehen. Nur die Nulpe da unten nicht.
Partout verweigert der Schiedsrichter der Alemannia den absolut berechtigten Elfmeterpfiff. Das Volk flippt aus. Hochröte Köpfe, hervorquellende Augäpfel, wild geschwenkte Fäuste: Am Tivoli wird wieder gehasst. Es ist eine Wohltat. Jahrelang war es selbst heißblütigsten Anhängern zu peinlich, den Unparteiischen für eine Niederlage verantwortlich zu machen. Die eine oder andere fragwürdige Entscheidung wurde achselzuckend zur Kenntnis genommen. Mehr war nicht. Zu deutlich lag das eigentliche Elend auf der Hand: altbackener Defensivfußball, gespielt von einer Bande lustloser Schaukelpferde in schwarz-gelb. Als Ergebnis blieb ein Ex-Hexenkessel, der auf Sparflamme köchelte.
Unter frischem Dampf
Dass diese gleichgültigen Tage gezählt sind, konnte man schon zu Saisonbeginn erahnen. Spätestens seit dem Pokalsieg gegen Mainz herrscht Gewissheit. Die Alemannia reißt ihre Fans wieder mit. Dank der aktuellen Truppe steht der Kessel unter frischem Dampf. Und kaum läuft es, machen auch die Schiris plötzlich wieder Stress. Die Schwarz-Gelben werden an allen Ecken betuppt, betrogen und beschissen. Ein Zusammenhang ist erkennbar. „Sobald wir denen vom DFB zu erfolgreich werden, schicken die nur noch Blinde zum Pfeifen nach hier“, sprach neulich ein altgedienter Tivoligänger aus, was sowieso längst alle denken. „Aber auf die Tour weiß man wenigstens, dass wir gut drauf sind“, zog sein Tribünennachbar die richtigen Schlüsse. Der Rest des Gesprächs ging in einem markerschütternden Schrei unter: „Foul!“ Alle haben es gesehen. Alle bis auf einen.
Christoph Löhr ist Redakteur und Mitherausgeber des Alemannia-Fanzines IN DER PRATSCH.
Kategorie:
Kurvendiskussion