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Wie erkennt man Nazis?

Seit vielen Jahren stehen unterschiedliche Projekte gegen rechte Gewalt auf der Agenda der städtischen und städteregionalen Verwaltung. Aktuell setzen die Verantwortlichen vor allem auf Prävention und Aufklärung.

Wie erkennt man Menschen mit rechter Gesinnung? Glatze, Springerstiefel, Seitenscheitel? So einfach ist es leider nicht immer. Die alte Symbolik ist teilweise überholt, die nationalsozialistischen Erkennungsmerkmale viel variabler als früher. „Heute sieht man schon mal einen Rechten mit Che Guevara-Aufdruck auf dem T-Shirt“, sagt Silke Peters vom Integrationsbüro der StädteRegion Aachen.
Die 28-jährige Politikwissenschaftlerin weiß, wovon sie redet. Sie ist auf städteregionaler Ebene für die Problematik zuständig, die in regelmäßigen Abständen neue Aktualität erhält. Spätestens seit bekannt wurde, dass die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) seit Jahren gezielte Morde verübt haben, kommt kaum eine Kommune an der braunen Thematik vorbei, der in der StädteRegion eine zusätzliche Brisanz innewohnt. Die Vereinigung „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) macht seit mehr als einem Jahrzehnt von sich reden, 2010 wurden zwei ihrer Mitglieder verhaftet, weil sie in Berlin mit selbstgebauten Bomben gegen eine Demo vorgehen wollten. Auch in unserer Region kommt es zu rechten Schmierereien und tätlichen Angriffen.
Stolberg hat in der rechten Szene traurige Berühmtheit erlangt. Seit 2008 versammeln sich alljährlich _nationalsozialistische Sympathisanten, nachdem sie einen getöteten _Jugendlichen – allen Ermittlungen der Polizei und Beteuerungen der Eltern zum Trotz – zum rechten Märtyrer ausgerufen haben. Zu der Thematik ist kürzlich ein Sammelband mit dem Titel „Mythos Stolberg“ (Herausgeber Dominik Clemens) erschienen, der umfassend über Hintergründe und Zusammenhänge informiert.
All diese Punkte sind Gründe dafür, warum das Programm „Miteinander in der StädteRegion – gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ bereits seit 2001 ein fester Bestandteil der städteregionalen Arbeit ist. „Wir haben uns als erster Kreis in ganz NRW mit diesem Thema beschäftigt“, erklärt Peters. Aktuell arbeitet sie an Aufklärungsprojekten an Schulen und Ausschreibungen von Förderpreisen, es stehen aber auch Schulungen sportlicher Übungsleiter auf dem Programm.
Manfred Borgs ist Geschäftsführer des Stadtsportverbandes Herzogenrath und hat Peters für eine Schulung engagiert. „Mein Sohn war mit Falco Wolf (Einer der KAL-Bombenleger – Anm. d. Red.) zusammen in der Mannschaft. Der war das liebste Kind im Kader.“ Rund 30 ehrenamtliche Übungsleiter haben sich im Sportclub Kohlscheid eingefunden, um von Silke Peters einen Überblick über die nationalsozialistische Symbolik zu erhalten. „Das Hakenkreuz kennt jeder. Doch schon beim Keltenkreuz oder der ‚schwarzen Sonne’ wird es unübersichtlich.“ Woher soll ein Kohlscheider Familienvater auch wissen, dass Nazis gerne den Schriftzug „Constaple“ auf den Shirt tragen, weil bei halbge_öffneter Jacke die einschlägigen Buchstaben „NSDAP“ ins Auge fallen. Oder dass die 88 für den Hitlergruß und die 18 für Adolf Hitler steht.
Fast wäre das Kohlscheider Sportlerheim vor einigen Jahren einem Vereinsmitglied mit KAL-Background zum Feiern überlassen worden – keinem war die Nazi-Sympathie des unauffälligen Jungen aufgefallen. „Frühzeitiges Erkennen ist wichtig“, beteuert Peters. „Gerade in Sportvereinen können Kinder und Jugendliche durch Prävention geschützt werden.“
Winfried Casteel von der Volkshochschule Aachen kämpft in ähnlicher Weise für den Schutz der Jugendlichen vor rechtem Gedankengut. Der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte ist verantwortlich für den Bereich Politische Bildung und leitet seit 1997 auch die „Wege gegen das Vergessen“, die dezentrale Aachener NS-Gedenkstätte. Er entwickelt zurzeit zusammen mit seinem Kollegen Dominik Clemens von „Arbeit und Leben DGB/VHS“ einen Lokalen Aktionsplan gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus für die Stadt Aachen. Der LAP wird im Rahmen des Bundesprojektes „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ finanziell gefördert. Darüber hinaus ist Casteel für Aufklärungsprojekte an Schulen und Argumentationstrainings zuständig. Auch er kennt diese Aha-Erlebnisse, wenn Lehrer mit den Symbolen der Nazis konfrontiert werden. Mit dem nötigen Wissen im Gepäck können die Pädagogen besser auf rechte Störenfriede reagieren. Doch aufgepasst: „Bei der Konfrontation mit Rechtsextremisten darf man sich nicht auf deren Argumentationsmuster einlassen“, so Casteel. „Sonst kommt man nie zum Erfolg.“ Dieser Erfolg liege oft gar nicht darin, den Gegenüberstehenden zu überzeugen, oft gehe es eher darum, dem zuhörenden Umfeld zu demonstrieren, dass die rechten Argumente unsinnig sind.
Wie weit auch immer die theoretische Vorbildung reicht, entscheidend ist es, die jeweilige Situation richtig einzuschätzen. „Man muss sich entscheiden“, sagt Casteel. „Eingreifen, wo es möglich ist, oder 110 wählen.“  /// Sebastian Dreher

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